Ich wollte einfach Priester werden

Mit einem erhabenen Priesterbild kann ich nichts anfangen“, sagt Dr. Franz Gasteiger. Er sieht sich als modernen Menschen mit Werten. 50 Jahre nach seiner Pri-miz sprachen wir mit dem 75-Jährigen über das Jubiläum, seine Lebenseinstellung und seine Sicht auf seinen Beruf.

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Umringt von Kommunionkindern feierte Franz Gasteiger seine Primiz

Die katholische Kirche hat Franz Gasteiger schon früh beeindruckt. „Es war früher für mich die einzige Welt außerhalb der Familie“, erinnert er sich. Es ist gut sechs Jahrzehnte her, als der kleine Franz als Ministrant am Altar stand. Tag für Tag. Am Sonntag, 3. Juli, steht Dr. Franz Gasteiger auch am Altar. Dieser Gottesdienst in Oberneuching wird nicht nur für ihn, sondern für die ganze Kirchengemeinde und viele seiner Freunde ein besonderer sein: Der 75-Jährige feiert sein 50-jähriges Priesterjubiläum auf den Tag genau fünf Jahrzehnte nach seiner Primiz.

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Viele Gäste gratulierten ihm, unter ihnen Burghausens Stadtpfarrer Jakob Prambs (r.), Kurskollege Herbert Czech (hinten, r.) sowie seine Mutter Franziska

Seitdem hat sich viel getan. Die Motivation, diesen Beruf zu ergreifen, war für Gas-teiger aber damals schon so klar wie 50 Jahre später: „Ich wollte einfach Priester werden.“ Jedoch wählte Gas-teiger einen ungewöhnlichen Weg, denn er wollte lange keine eigene Pfarrei übernehmen.

Isoliert im Priesterseminar

In Schönau bei Eggenfelden wuchs Gasteiger auf. „Ohne Kindergarten, ohne Jugendarbeit. Das gab es früher alles gar nicht“, blickt er zurück. Doch durch die regelmäßigen Gottesdienstbesuche bekam er Einblick in eine für ihn damals ganz andere Welt. „Ich bin jeden Tag mit dem Fahrrad zum Ministrieren gefahren. Das war eine völlig andere Weltwirklichkeit.“

Nach fünf Jahren Volksschule wechselte Gasteiger 1951 auf das humanistische Gymnasium, das heutige Leopoldinum, in Passau, wo er 1960 Abitur machte. „Die Idee, auf ein Gymnasium zu gehen, hatte es in der Familie gar nicht gegeben. Der Pfarrer und mein Lehrer wollten, dass ich studiere“, sagt Gasteiger mit einem Schmunzeln. Und so studierte er Philosophie, Pädagogik und Theologie an der philosophisch-theologischen Hochschule in Passau.

Über die Auswirkungen des Zölibats auf sein Leben machte sich der junge Mann übrigens keine Gedanken. „Ich habe die Rahmenbedingungen akzeptiert“, sagt er. Seine Eltern Franziska und Franz Gasteiger waren mit der Berufswahl einverstanden. Und für ihre Entscheidung hat Gasteiger heute noch höchsten Respekt. „Das Knabenseminar kostete 25 Mark monatlich. Das sind umgerechnet jetzt 200 Euro. Wir hatten damals nur eine kleine Landwirtschaft, die kaum Bargeld abgeworfen hat. Und trotz ihrer Angst, es wirtschaftlich nicht stemmen

zu können, haben sie mich unterstützt.“

Das Priesterseminar in Passau ist Gasteiger noch gut in Erinnerung. „Wir waren wirklich vollkommen isoliert. Ich hatte nicht mal einen Haustürschlüssel. Ein Kollege war mal zu Besuch bei einer Jugendgruppe außerhalb des Hauses in der Stadt. Das hatte damals Konsequenzen. Es war ein absolutes No-Go“, blickt er zurück.

Primiz im Heimatort Burghausen

Am 29. Juni 1966 wurde Gasteiger im Stephansdom zu Passau durch Bischof Simon Konrad Landersdorfer zum Priester geweiht. Seine Primiz feierte er am 3. Juli 1966 in seinem Heimatort Burghausen. Der ganze Ort war auf den Beinen, die Feierlichkeiten dauerten vier Tage. „8000 Mark sind damals an Geldgeschenken zusammen gekommen. Dafür habe ich mir einen grauen Käfer gekauft“, sagt Gasteiger schmunzelnd.

Bis September 1968 war er Kaplan in Fürstenstein bei Passau. Danach engagierte er sich bis Ende 1974 als Diözesankaplan der christlichen Arbeiterjugend für die Diözese Passau. Das Zusammensein mit Menschen unterschiedlicher Couleur prägte sein Leben und auch seine persönliche Einstellung zur Kirche. „Ich kann nicht an den Menschen vorbei, um Seelsorge zu machen. Ich wollte und will bei den Menschen sein und mich von ihren Leben und ihren Fragen berühren lassen. Das hat für mich auch ein bisschen mit Berufung zu tun“, sagt er. Immer bei den Menschen sein, das will Gasteiger auch jetzt noch: „Ich war nie eingehaust in ein verkrustetes Priesterbild“, sagt er.

Seine positive Lebenseinstellung kam schon früh bei den Menschen an. Sechseinhalb Jahre war Gasteiger Landespräses des Bundes der Deutschen katholischen Jugend Bayern. Kritik übt er aber an verkrusteten Strukturen. Ein Beispiel: das Thema Abtreibung. „Vor einigen Jahren hat man unentwegt von oben herab gegen dieses Problem gewettert, ohne jede Einfühlung in die Not der betroffenen Frauen. Nur der Bischof und kein normaler Pfarrer durfte eine solche Frau davon lossprechen“, sagt er. Für derartige nur rechtlich und nicht menschlich behandelten Fragen hat Gasteiger kein Verständnis.

Herzenswunsch: Ab nach Australien

Überhaupt will er das Bild eines modernen Menschen mit Werten verkörpern. Dazu gehört auch legere Kleidung. „Mit einem erhabenen Priesterbild kann ich nichts anfangen“, sagt er. Viele seiner jüngeren Kollegen sehen das jetzt anders. „Kirchlich pastoral sind wir jetzt wieder in einer Regression. Zu meiner Anfangszeit war der Aufbruch der Konzilphase ganz aktuell“, sagt er.

Gasteigers weitere Stationen: wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Pastoraltheologie an der Universität Regensburg sowie anschließende Mitarbeit in den Pfarreien Baldham und Kirchheim. Im März 1991 promovierte Gasteiger zum Doktor der Theologie an der Universität Regensburg. Von 1. April 1991 bis 31. Oktober 2003 war er Seelsorger am Flughafen München. Danach engagierte er sich bis 31. August 2008 als Seelsorger in den Erdinger Altenheimen, bevor er in den vorläufigen Ruhestand ging.

Damit war es aber im September 2011 wieder vorbei, als Gasteiger priesterlicher Leiter der Pfarrei Eitting wurde. Von 1. Juni 2013 bis 30. September vergangenen Jahres schließlich war er Pfarrer für Neuching und Ottenhofen sowie Leiter des Pfarrverbands Neuching-Ottenhofen. „Das war eine spannende Herausforderung“, blickt er zurück.

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Im kirchlichen Leben ist Gasteiger (I.) weiter aktiv, wie hier mit Dekan Michael Bayer und Reinhard Kardinal Marx. FOTOS: PRIVAT

Seit 1. Oktober ist er in Ruhestand – im unruhigen. Denn Gasteiger wirkt weiterhin als Aus- und Mithilfe im Seelsorgebezirk der Pfarrverbände Moosinning und Neuching-Ottenhofen, in den Erdinger Altenheimen und am Flughafen. Wenn es seine Zeit erlaubt, möchte er dorthin gerne zurück. Und zwar als Fluggast. „Ich war schon dreimal dort, aber ich möchte noch einmal nach Australien und Neuseeland“, erzählt er von seinem Herzenswunsch. Bis dahin will er mit seinen Worten noch viele Herzen berühren und öffnen.

Daniela Oldach im Erdinger Anzeiger vom2. Juli 2016